5 FRAGEN AN RUDI BALLREICH UND PROF. MARCEL HÜLSBECK

Über Vorteile von Mindful Leadership in Organisationen

Was heißt genau Mindfulness? Welche Veränderungen bewirkt Mindful Leadership in Organisationen?
Prof. Dr. Marcel Hüslbeck, Inhaber des Stiftungslehrstuhls für Familienunternehmen an der Universtität Witten/Herdecke und
Rudi Ballreich, Organisationsexperte, Fachbuchautor und Unternehmer, gehen auf organisationale Vorteile gesunder Führung aus Praxis und Theorie ein.

Was sind aktuell große Herausforderungen für Unternehmen und wie kann Mindfulness konkret Firmen helfen?

 

Rudi Ballreich: Viele Führungskräfte in Unternehmen stehen heute unter einem hohen Druck. Zeitdruck, Leistungsdruck, Komplexitätsdruck usw. haben nicht nur stressbedingt gesundheitliche Probleme zur Folge, sondern auch die Bewusstseinsfunktionen des Wahrnehmens, Denkens, Fühlens und Wollens werden davon beeinflusst. Sie werden eng und sie verlieren die Möglichkeit, kreative Lösungen zu finden. Entscheidungen und Verhalten sind dadurch oft nicht dem angemessen, was eine Situation wirklich braucht. Die Qualität der Führungsarbeit leidet dadurch enorm und falsche Entscheidungen und unpassendes Verhalten kosten Unternehmen viel Geld.

Mindfulness ist die Fähigkeit, die eigenen Bewusstseinsprozesse zu beobachten und aus Übersicht zu steuern. Mindfulness-Training entwickelt diese Fähigkeit. Mindfulness ist deshalb nicht nur eine der wirksamsten Methoden zur Stressbewältigung, sondern auch zur Entwicklung von situativer Anpassungs- und Gestaltungsfähigkeit in Situationen der Führung und Zusammenarbeit. Unternehmen können durch Mindfulness-Training die Qualität des Führungshandelns enorm erhöhen. Das ist keine persönliche Einschätzung, sondern das haben in den letzten Jahren viele wissenschaftliche Studien sehr deutlich belegt.

Marcel Hülsbeck: Die zentrale Herausforderung ist die Transformation von der Industrie- in die Wissensgesellschaft. Diese funktioniert nach grundlegend anderen Regeln als die industrielle Produktion. An die Stelle von Maschinen und Technologie treten kreative Köpfe und Kooperation. Dies erfordert neue Formen der Selbststeuerung (Mindfulness), Führung (Mindful Leadership) und Arbeits- und Organisationsformen (Mindful Organizing).

 

 

 

 

Viele werden bereits von Mindfulness für Einzelpersonen gehört haben, etwa mit Achtsamkeits-Übungen.
Seltener ist Mindfulness im unternehmerischen Kontext. Können auch Organisationen lernen, Mindfulness zu praktizieren? Wie sieht sozusagen ein Mindfulness-Training für Firmen aus?

 

Marcel Hülsbeck: Hier muss klar zwischen der individuellen und organisationalen Ebene unterschieden werden. Individuelle Mindfulness beruht letztendlich auf Meditationspraktiken verschiedenen Ursprungs, welche neuzeitlich ansprechend in zweckdienliche Formate (z.B. Stressreduktion) umverpackt und in besonderen Kontexten angewandt werden (z.B. Führung). Diese Formate und Praktiken können Organisationen in Führungs- und Veränderungsprozessen nutzbringend einsetzen, um in diesen vermeintlich formal-rationalen Prozessen die (Selbst-)Steuerungsfähigkeit der Beteiligten auch auf emotionaler und empathischer Ebene zu erhöhen.
Auf organisationaler Ebene sieht die Sache schon anders aus. Die Gestaltungsprinzipien des mindful organizing weisen zwar starke Analogien zur individuellen Praxis auf, es bleiben allerdings Analogien. Organisationen sind mehr als die Summe ihrer Mitglieder und funktionieren als emergente Ordnungsebene auch anders. Meine klare Empfehlung für Unternehmen wäre, nicht dem Irrglauben zu verfallen, dass es reicht eine kritische Menge an Mitarbeitern in Mindfulness zu schulen, um zur Mindful Organization zu werden. Andererseits dürfte es kaum fruchtbar sein ein Unternehmen nach Prinzipien des Mindul Organizing umzugestalten, ohne dass ein individuelles Mindfulness-Angebot gemacht wird.

 

Klingt interessant, aber für viele Organisationen noch etwas ‚unkonventionell‘. Gibt es Beispiele von Firmen, die das bereits praktizieren? Welche Ergebnisse erzielen sie?

 

Rudi Ballreich: Mindfulness auf der Personebene ist in den letzten Jahren in vielen großen Organisationen fest und sehr erfolgreich etabliert. Google, SAP, Bosch sind nur die bekanntesten davon. Bei SAP z.B. haben mehrere Tausend Personen an diesen Trainings teilgenommen. Dort hat sich auch eine Kultur entwickelt, wie Mindfulness nach einem Training selbständig und auch im Unternehmen praktiziert wird. Interne Untersuchungen zeigen, dass das die Arbeitszufriedenheit verbessert, die Fehlzeiten minimiert und sich dadurch nachweisbar auch ökonomisch „rechnet“.

 

 

 

 

Welche Gefahren laufen Organisationen, die weiterhin auf Autopliot steuern? Mindlessness ist da ein Schlüsselbegriff. Kann man die durch Mindlessness verursachten Kosten identifizieren?

 

Rudi Ballreich: Wenn man die psychischen Mechanismen von Stress, Angst und dem daraus folgenden Autopilot-gesteuerten Stressverhalten versteht, dann ist es evident, dass viele Fehlentscheidungen auf allen Ebenen der Organisation damit zusammenhängen. Auch das Verhalten der Manager in der Automobilindustrie beim Manipulieren der Abgastests. Solche Entscheidungen und Verhaltensweisen sind nur möglich, wenn im Bewusstsein der Beteiligten Mindlessness vorherrschend war. Dazu gibt es auch Untersuchungen zum Verhalten der Crew bei Flugzeugabstürzen. Auch dabei ist Mindlessness ein Schlüsselfaktor. Das gilt aber auch für viele kleine Entscheidungen auf allen Führungsebenen. Auch bei der Eskalation von Konflikten oder bei der Unfähigkeit, aus Fehlern zu lernen, spielt Mindlessness eine zentrale Rolle. All das kostet Organisationen viel Geld.

Marcel Hülsbeck: Man sollte sich hier bewusst sein, dass Mindfulness kein Allheilmittel ist. Die notwendige Organisationsform ergibt sich immer aus den Umweltanforderungen an den jeweiligen Organisationsteil, nicht daraus, was gerade als nächster Managementtrend identifiziert wurde.

 

 

 

 

Wie können Organisationsverantwortliche in das Thema einsteigen?

 

Rudi Ballreich: Eine gute Möglichkeit, sich über diese Themen zu informieren, ist die alljährlich stattfindende Mindful Leadership Konferenz. In diesem Jahr findet sie am 7./8. März in Stuttgart statt. Dort kann man erfahren, was Daimler, die Fraport AG, Volkswagen und andere Organisationen beim Thema „Mindfulness“ tun. Mindfulness wird dort von Julian Nida-Rümelin, einem der führenden Philosophen unserer Zeit, aber auch als grundlegende Haltung und Tugend für die Entwicklung einer humanen Ökonomie vorgestellt. Und es besteht die Möglichkeit, sich mit anderen zu vernetzen, die an diesem Thema arbeiten.

Die Universität Witten/Herdecke bietet in Zusammenarbeit mit der Trigon Entwicklungsberatung einen grundlegenden Führungslehrgang an, in dem Führungskräfte auf der Grundlage von Mindfulness grundlegende Kompetenzen für die Führungsarbeit entwickeln können.

Wer sich selbst als TrainerIn für Mindful Leadership ausbilden will, kann dies in dem Lehrgang „Train the Trainer für Mindful Leadership“, der ebenfalls von der Universität Witten/Herdecke in Kooperation mit der Trigon Entwicklungsberatung durchgeführt wird.