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Professional Campus | UW/H

Nachhaltigkeit und Unternehmen - Wie passt das zusammen?

Simon Shaw, Student PPÖ (Philosophie, Politik und Ökonomik) an der UW/H und Mitarbeiter im Team Professional Campus, sprach mit Christian Gessner (Gründer & Co-Leiter ZNU | Universität Witten/Herdecke)…

…über die Vielfältigkeit von Nachhaltigkeit, Zielkonflikte & Chancen, Sustainable Leadership, sowie die Wichtigkeit von Interdisziplinarität für Unternehmen

 

 

Guten Tag, Christian

CG: Hallo Simon

Zusammen mit Axel Kölle bist du Gründer und Leiter des 2009 gegründeten Zentrums für nachhaltige Unternehmensführung an der Universität Witten/ Herdecke. Dabei steht der ZNU Standard im Vordergrund, der Unternehmen dabei hilft, das Thema Nachhaltigkeit offensiv anzupacken. Was genau bedeutet Nachhaltigkeit, und was hat sie mit Unternehmensführung zu tun?

CG: Nachhaltigkeit im Ursprung ist: Nicht mehr Bäume abzuholzen als nachwachsen. Zunächst hat es also eine ökologische Bedeutung. Das kann man auch auf die anderen Kapitalarten übertragen, also auf soziales Kapital: hier haben wir die ganze Thematik Work-Life-Balance, Burn-Out usw. Auch dort bedeutet Nachhaltigkeit, dass man auf seine Substanz achtet und nicht Raubbau betreibt. Dann gibt es noch die dritte Säule der Nachhaltigkeit, bei der geschaut wird, dass man nachhaltig und mit gerechter Wertschöpfung wirtschaftet und Nachhaltigkeit als Innovationstreiber sieht. Das ist uns ganz wichtig: Es ist nicht nur ein defensives Thema, bei dem ich mich auf neue Gesetze, Regulierungen, Klimagesetze, Menschenrechts-, Lieferkettengesetze, usw. einstellen muss. Ich muss gucken, wie ich mit Innovationen, also offensiv, als Unternehmen agieren kann. Was uns auch wichtig ist: Es gibt letztendendes nicht das nachhaltige Unternehmen oder das nachhaltige Produkt. Bioprodukte können auch noch nachhaltiger werden, indem beispielsweise die sozialen Aspekte weiter entwickelt werden oder sie zu einer gerechteren Wertschöpfung beitragen.

Schlussendlich geht es uns darum zu sagen: leave no one behind. Jeder sollte, von seinem Standpunkt aus, nachhaltiger werden und somit entlang der ganzen Wertschöpfungskette mehr Verantwortung für Mensch, Tier und Umwelt übernehmen. Also weg von der Idee: „So, ich mach jetzt mal mein Produkt und schaue, wie sich die Preis-Absatz Funktion im Markt entwickelt und damit ist es erledigt. Stattdessen geht es viel um das Selbstverständnis eines Unternehmers als gesellschaftlicher Akteur, also dass man sich fragt: Welche Rolle will und kann ich in der Gesellschaft im Rahmen meines Geschäftsmodells einnehmen?

Du hebst also einerseits ein modernes Selbstverständnis des Unternehmers hervor, und gleichzeitig die Vielfältigkeit von Nachhaltigkeit?

C: Genau, also diese drei klassischen Dimensionen: Umwelt, Wirtschaft und Soziales. Darüber hinaus ist uns noch das Thema Unternehmensführung oder Governance sehr wichtig. Man muss anerkennen, dass es natürlich Zielkonflikte gibt. Die Schlangengurke als klassisches Beispiel: Die Verbraucher wollen nicht, dass sie in Plastik verpackt ist, aber wenn ich sie ohne Plastik verkaufe, habe ich mehr Lebensmittelabfälle. Auf der einen Seite also das emotionale Thema Plastik, auf der anderen Seite das emotionale Thema Lebensmittelabfall. Und gerade da geht es dann darum innovative Wege zu suchen.

Jetzt hast du die Zielkonflikte angesprochen. Wird Nachhaltigkeit in der Unternehmerszene vorwiegend als Zielkonflikt bzw. Wettbewerbsnachteil aufgefasst?

CG: Bei vielen wird es natürlich als Kostenfaktor wahrgenommen. Aber es gibt auch Schwierigkeiten bei der Messung und Beschreibung, so dass sich Unternehmen fragen: Was ist denn überhaupt nachhaltig? Da ist noch viel ‚Wilder Westen‘, so dass jeder seine eigene Definition von Nachhaltigkeit hat, sein eigenes neues Label macht, und so weiter. Da gab es jetzt auch mehrere Klagen gegen Unternehmen wie z.B. Aldi, weil diese mit Klimaneutralität werben. Aber was heißt das genau? Die EU will jetzt mit ihrer ‚Green Claims‘ Verordnung solche Werbeaussagen verbieten, wenn die Aussage nicht von dritter Seite zertifiziert worden ist. Für die Unternehmen heißt das: Ich muss immer mehr belegen, was ich eigentlich konkret bezüglich Nachhaltigkeit umsetze. Daher glaube ich, dass sich dieser ‚Wilde Westen‘ durch die Aktivitäten auf EU Ebene in den nächsten Jahren konsolidieren wird, so dass es weniger, dafür aber eindeutigere und glaubwürdigere Label als heute auf dem Markt geben wird. Somit wird der Markt – auch für Unternehmerinnen und Unternehmer – in puncto Nachhaltigkeit mittelfristig übersichtlicher.

„Es gibt letztendendes nicht das nachhaltige Unternehmen oder das nachhaltige Produkt“.

Wie lässt sich aus Sicht des Unternehmers der ökonomischer Wettbewerbsnachteil in eine Chance umwandeln?

CG: Klar, einerseits ist das die Äußerung von vielen Unternehmen, dass das so ist mit dem Kostennachteil. Es gibt aber natürlich auch andere, die sagen, das ist ein Kostenvorteil. Es gibt schließlich durch das Einsetzen von weniger Plastik, durch weniger Energieverbrauch auch Effizienzgewinne. Die Frage ‚Wann rechnen sich meine NH-Investitionen?‘ erfordert einen langfristigeren Blick als zuvor. Wenn ich vor 5 Jahren eine Photovoltaikanlage auf meinem Betriebsgelände installiert hab, dann freu ich mich natürlich heute. Aber klar, manche Maßnahmen zur Nachhaltigkeit sind teuer. Häufig ist das aber auch ein Argument, das nicht zu Ende gedacht wird. Wenn ich Nachhaltigkeit als ganzheitliches System denke und umsetze, dann merke ich das zum Beispiel in Bezug auf das Thema „attraktiver Arbeitgeber“: In Zeiten von Fach- und Führungskräftemangel möchte kaum jemand mehr in einem Unternehmen arbeiten, welches sich nicht zu dem Thema Nachhaltigkeit positioniert beziehungsweise sich da stark macht. Nachhaltigkeit wird immer mehr zur Voraussetzung. Ich muss mich also ganzheitlich mit dem Thema beschäftigen. Nachhaltigkeitsorientierte Change Prozesse, durch die alte Hierarchien und Strukturen aufgebrochen werden, werden aber natürlich von Seite der Abteilungsleiter*innen, oder Bereichsleiter*innen auch mal kritisch gesehen. Hier gilt es, die Themen konkret zu machen bis auf den einzelnen Arbeitsplatz und dort den Menschen ihre Einflussmöglichkeiten aufzuzeigen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Wenn es um Einstiegsgehälter geht – ab ca. 10.000€ zusätzlich – ist das Thema Nachhaltigkeit dann doch nicht mehr so wichtig“.

 

Welche Rolle kommt der Politik in diesen Change Prozessen zu?

CG: Von staatlicher Seite, von politischer Seite her wäre es hilfreich, wenn man bestimmte Berechnungsregeln festlegen würde und damit besonders kleineren Unternehmen hilft. Nestlé z.B. rechnet natürlich wunderbar die neusten Lebenszyklusanalysen, kein Problem, aber der 10 Mann Betrieb? Was macht der jetzt? Beauftragt der jetzt so eine Analyse für fünfzig Tausend Euro? Wohl eher nicht. Und was heißt das jetzt, wenn der Händler oder die Politik sagt, ich brauch jetzt diese Zahlen? Dann wird es natürlich schwierig. Damit das Thema auch machbar bleibt, würden von staatlicher Seite festgelegte detaillierte Berechnungsregeln die Anreize zugunsten von Nachhaltigkeit, vor allem für die kleineren Unternehmen, erhöhen.

Auf Unternehmerseite scheint der Wille da zu sein. Laut aktueller Ausgabe des FAZ Magazins wären 3 von 4 jungen Unternehmer*innen unter 40 bereit, kurzfristig für mehr Nachhaltigkeit auf Entlastungen bei der Energie und CO2 Steuer zu verzichten. Das ZNU war und ist ein Pionier einer tiefgreifenderen Auffassung von Nachhaltigkeit und hat über viele Jahre diese Entwicklung begleitet. Wie beurteilst du solche Feststellungen? Ist das Bewusstsein für mehr Nachhaltigkeit ein modischer Trend oder ein langfristiger Wandel?

CG: Also schon auf jeden Fall letzteres. Trotzdem muss man das Thema Nachhaltigkeit ökonomisch organisieren, um den Willen in effizientes Handeln umzuwandeln. Es gab vor ein paar Jahren mal eine interessante Studie überAbsolvent*innen, ab welchem Gehalt sie bereit wären, die nachhaltigere Position aufzugeben für eine nicht nachhaltige Position. So, und wenn es um Einstiegsgehälter geht – ab ca. 10.000€ zusätzlich – ist das Thema Nachhaltigkeit dann doch nicht mehr so wichtig. Gerade deshalb muss ich als Unternehmen von der defensiven Position der Anpassung in eine innovative und transformative Denkweise kommen. So kann ich dann einen Beitrag für den Wandlungsprozess leisten, der auch ökonomisch darstellbar ist.

An der Uni Witten/ Herdecke steht die interdisziplinäre Lehre im Vordergrund Das PPÖ Studium vereint Politik, Philosophie, Ökonomie. Der Witten-MBA Studiengang beinhaltet BWL, VWL, aber auch Philosophie und die von Ihnen gelehrten Module Sustainable Leadership und Nachhaltigkeitsmanagement. Warum brauche ich Fächer, wie zum Beispiel die Philosophie, für einen solchen Wandlungsprozess?

CG: Ich glaube dieser Perspektivwechsel ist ganz entscheidend. Es geht nicht darum, auf die erste Maßnahme zu springen, sondern erst einmal einen Schritt zurückzumachen und zu analysieren: Was mache ich eigentlich in meinem Unternehmen? Wie nachhaltig ist mein Geschäftsmodell? Was produzieren wir hier, was ist unserer Rolle in der Gesellschaft? Unter anderem mithilfe der Philosophie kann ich die Haltung, die ich habe und den gesellschaftlichen Beitrag, den ich dann leisten will, optimieren. Deswegen brauch ich auch Sustainable Leadership oder generell Führungskompetenzen, die interdisziplinär sind. Sei es die Mitarbeiterin, die Nachhaltigkeit möchte, oder der Handelskunde, der eine Liste mit Anforderungen schickt. Dessen Perspektive, dessen Rationalitäten muss ich als Führungskraft verstehen können. Genau dafür helfen mir verschiedene Theorien aus der Wirtschaft, aus der Philosophie, aus der Politik, die ich nutzen kann, um dann konkret nachhaltiger zu wirtschaften.

Vielen Dank für das Interview, Christian.

CG: Sehr gerne!

 

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